„Love ist the absence of judgement

 

 

 

Was bedeutet die Aussage des Dalai Lama für die Mediation?

 

 

 

 

 

 

Wir bewerten ständig. Ob wir wollen oder nicht. Sobald wir etwas sehen, löst das eine Einschätzung in uns aus, somit eine Bewertung. So bewerten wir spontan – bereits mit dem ersten Eindruck - andere Personen, ihre Leistungen und ihr Potential.

 

 

Als Grundlage für eigene Entscheidungen sind Bewertungen wichtig und bedeutsam. Für unsere Beziehungen zu anderen Menschen sind Bewertungen hinderlich. Sie führten dazu, dass sich zwischen dem Bewerter und der bewerteten Person Missverständnisse entwickeln.

 

 

Gehen wir z.B. davon aus, dass sich eine Person selbstsüchtig verhält oder unsere Gefühle verletzt. Eine solche Bewertung des Verhaltens einer Person nehmen wir im Rahmen unseres Wertesystems wahr. Wir legen dem Verhalten der Person automatisch unsere Beurteilung der Vorgänge zugrunde. Wir wissen nicht, ob die Person ihr Verhalten so wahrnimmt und aus welchen Motiven sie handelt. So wird die Person selbst ihr Verhalten vermutlich ganz anderes wahrnehmen. Und das ist der Nährboden, auf dem Konflikte entstehen können.

 


Der Dalai Lama macht hierzu folgendes Beispiel: Stellen Sie sich vor, Sie sehen einen kleinen Hund. Es sieht süß und freundlich aus. Sie wollen den Hund streicheln. Plötzlich knurrt es und versucht Sie zu beißen. Der Hund scheint nicht mehr süß und Sie fühlen Angst und Wut. Sie sehen, dass der Hund mit einem seiner Beine in einer Falle gefangen ist. Jetzt tut Ihnen der Hund leid, weil Sie wissen, dass er nur aggressiv wurde, weil es Schmerzen hat und leidet.

 


Die Bewertung von Situationen und Personen erfolgt instinktiv und ist ursprünglich dazu da, uns das Überleben zu sichern. Wenn wir einen Hund (oder eine Person) sehen, der uns (buchstäblich oder metaphorisch) beißen könnte, fühlen wir uns bedroht. Wir sind nicht in der Lage, die unzähligen möglichen Gründe für das Verhalten eines anderen zu sehen. Unser Blickwinkel wird eng und defensiv. Dies ist eine normale erste instinktive Reaktion und kann meist nicht von uns gesteuert werden.

 

Der Dalai Lama rät in dieser Situation zu pausieren und nicht im Kampf-Flucht-Todstellen-Modus zu agieren. Er unterstreicht das mit den Worten: „You can`t get your words back“.

 

 

Besser wäre es seines Erachtens, zu verstehen, welche Beweggründe und Interessen dazu führen, dass die Person so handelt, wie wir das wahrnehmen. Ein guter Weg dahin ist, mit der bewerteten Person zu sprechen und sich ihr Verhalten erklären zu lassen. Somit sein Rat: Fragen Sie nach! Das führt dazu, dass sich negative Bewertung in positive oder zumindest in neutrale Bewertungen umdeuten lassen.

 


Und schließlich erinnert der Dalai Lama daran, dass die Beurteilung einer Person nicht definiert, wer sie ist sondern wer der Bewerter ist. Gemäß dem Zitat: „was Paul über Peter sagt, sagt mehr über Paul als über Peter aus“.

 

 

Und was hat diese Erkenntnis des Dalai Lama mit der Mediation zu tun?

 

 

In der Mediation werden Konflikte bearbeitet. Der Mediator leitet die Konfliktparteien in einem Gespräch an, ihre Verhaltensweise sowie ihre Bedürfnisse und Interessen zu erklären.

 

 

Hierdurch wird den Konfliktparteien vor Augen geführt, welche Motivation die bewertete Person hatte, so zu handeln. Oft lassen sich Konflikte darauf zurückführen, dass Personen Bewertungen über andere Personen vorgenommen haben. Die Handlungen, die zu diesen Bewertungen führen sind jedoch oft ganz anders gemeint und haben nicht die Absicht, die ausgelöste Bewertung hervorzurufen. Meist stehen hinter den Handlungen wohlwollende Interessen, die von den anderen Personen so nicht wahrgenommen wurden.  Somit basiert der Konflikt auf Missverständnissen.

 

 

Der Mediator unterstützt die Konfliktparteien dabei, zu erkennen, welche Handlung wie gemeint war und was die Handlung beim Gegenüber ausgelöst hat.

 

Wenn die Personen erkennen, dass die Handlungen aus wohlwollenden Motiven erfolgt sind, ändert sich deren Blickwinkel. Hierdurch kann gegenseitiges Verständnis erwachsen. Und das wiederum führt dazu, den Konflikt zu entschärfen und einen möglichen Umgang mit dem konfliktträchtigen Thema zu finden.

 

 

Das Vorgehen führt zwar in der Regel zu gegenseitigem Verständnis und nicht zu Liebe. Ich gehe jedoch davon aus, dass der Dalai Lama mit der Aussage „Love is the absence of judgment“ alle Formen von Zuneignung füreinander meint.  Und damit ist seine Aussage von ganz wesentlicher Bedeutung für die Mediation.

 

 

foto: pixaby.com